direkt zum Inhalt springen

direkt zum Hauptnavigationsmenü

Sie sind hier

TU Berlin

Inhalt des Dokuments

Die Steine Berns

Toni P. Labhart, Prof. em.,
Austrasse 26, CH-3084 Wabern

Die Altstadt von Bern liegt auf einer West-Ost orientierten Aareschlaufe von anderthalb Kilometern Länge, eine Ausdehnung, welche die Stadt bereits 150 Jahre nach ihrer Gründung 1191 erreicht hatte, und über die sie erst im 19. Jh. hinauswuchs. Trotz vielfacher Erneuerung der Bausubstanz zur Barockzeit ist der mittelalterliche Bauplan der Altstadt mit ihren dem Gelände angepassten leicht geschwungenen Strassenzügen erhalten geblieben. Dies war auch der Grund, Bern 1983 in das UNESCO-Weltkulturerbe-Inventar aufzunehmen. Praktisch alle Gebäude der Altstadt – rund 1000 an der Zahl – bestehen aus dem einheimischen graugrünen Molassesandstein: zahllose Wohn- und Geschäftshäuser, rund zwei Dutzend öffentliche Bauten, darunter das Münster, die bedeutendste spätmittelalterliche Kirche der Schweiz (Bauzeit 1421-1580, Aufstockung 1889-1893). Der Berner Sandstein prägt das Gesicht der Stadt und ist ein Stück ihrer Identität. Nur so ist es zu erklären, weshalb man seit 800 Jahren mit bernischer Beharrlichkeit an diesem suboptimalen verwitterungsanfälligen Baumaterial festhält. In diesem Zeitraum sind in den Steinbrüchen rund um Bern Jahren rund 1.5 Millionen Kubikmeter Sandstein gewonnen worden. Drei Steinbrüche liefern heute den Sandstein für den Unterhalt der Altstadtfassaden. Verarbeitet wird er vom lokalen Steinhauergewerbe, welches Jahrhundert altes Wissen um die Besonderheiten dieses Material weiterträgt.

Neben dem Sandstein sind in der Frühzeit auch weitere Nutzsteine aus stadtnahen Vorkommen verwendet worden:

  • Kalktuff für Mauerwerk - insbesondere Wehrbauten-, Wasser- und Brückenbau, von den Anfängen bis zur Erschöpfung der Vorkommen im 17. Jh.;
  • Flussgerölle für Strassenpflästerung (ab 1400);
  • Granitfindlinge der eiszeitlichen Gletscher, ab Mitte 18. Jh. Verarbeitung zu Brunnenbecken und Mühlsteinen.

Für spezielle Materialien wurden auch längere Transportwege in Kauf genommen. So sind zwischen 1700 und 1860 beträchtliche Mengen Berner Oberländer Stein nach Bern verschifft worden: dunkle, weiss geaderte Kalksteine („Wilder Marmor“) für Hartsteinsockel an Sandsteinfassaden, im Spätbarock auch bunte Marmore von Grindelwald und Rosenlaui, sowie, als bedeutendster früher Ferntransport, 2500 Kubikmeter Aaregranit vom Grimselpass für die Nydeggbrücke (1840). Seit 1750 liefert Solothurn monolithische Jurakalk-Brunnenbecken nach Bern.

Auf eine 50jährige Krise nach dem Franzoseneinfall 1798 folgte ein ebenso lang andauernder Wachstumsschub, nicht zuletzt bedingt durch die Wahl Berns zur Bundeshauptstadt (1848). Dank dem Anschluss ans Eisenbahnnetz (1860) und steinfreundlicher Architekturströmungen wie Historismus und Jugendstil wurden zahlreiche Bauten mit einer für die Schweiz einmaligen Vielfalt von Bausteinen erstellt. Sie repräsentieren praktisch alle Kantone und alle geologisch/tektonischen Einheiten des Landes:

  • Sandsteine aus dem Molassebecken zur teilweisen Substitution des weiterhin verwendeten Berner Sandsteins (ua von St. Gallen, Appenzell, Zürich, Luzern, Zug);
  • gelbliche Kalksteine des Jurabogens (ua von Solothurn, Neuenburg, Laufen, Schaffhausen);
  • dunkle oder aber bunte Kalksteine aus den Nordalpen (ua von St. Triphon, Roche, Saillon, Collombey), nach der Eröffnung der Gotthardbahn 1882 auch aus den zentralen und südlichen Alpen (Granite, Tessiner Gneise und Marmore, Serpentinite), sowie aus Italien.

Einen Höhepunkt bildet das Parlamentsgebäude (1894-1902), dessen Naturstein-Ausstattung bewusst als nationale Gesteinsschau gestaltet ist.

Gesteine ausländischer Provenienz treten in dieser Periode in Bern zwar mengenmässig zurück, sind aber in zahlreichen qualitätsvollen Einzelbeispielen vorhanden. Die meisten stammen aus Frankreich und Italien. Deutschland ist an prominenter Stelle vertreten, nämlich durch den Obernkirchener Sandstein am Turmaufbau des Münsters.

Zusatzinformationen / Extras