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Weinsberg, Baden-Württemberg - Nutzung des Schilfsandsteines seit 800 Jahren

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Weinsberg, Baden-Württemberg - Nutzung des Schilfsandsteines seit 800 Jahren

Peter L. Scheck, Geologiebüro, Kyffhäuserstr. 17, 10781 Berlin

Wer von Westen über die flache hügelige Landschaft des lößbedeckten Kraichgaus einer alten Salzspur folgend über Kochendorf und Bad Friedrichshall kommt, steht östlich von Heilbronn vor dem plötzlichen Anstieg zum Heilbronner Bergland und der sich dahinter öffnenden Pforte zum Weinsberger Tal. Diese Weinberg/Wald-Grenze stellt eine geologische Schichtgrenze dar, und in diesem Raum bewegt sich ein Wanderer, der den Keuperweg beim Jägerhaus erkundet; am (1) Jägerhaus befindet sich ein alter Naturwerksteinbruch, der seit 1972 Naturschutzgebiet ist.

Dieser Steinbruch, in dem 1960, nach ca. 800 Jahren, der Abbau endete, galt seit dem 18. Jahrhundert als einer der bedeutendsten Steinbrüche in der Schilfsandstein-Formation. Die hier durch Bohrungen und Sprengung oder früher nur durch Keile quer zur Schichtung des Gesteins durch 'Stoßen' (Fachbegriff der Steinbrecher) gebrochenen und mit dem 'Poussierhammer' formatierten Werksteine wurden in ganz Deutschland sowie im nahen Ausland als Bau- und Bildhauersteine geschätzt (Kölner Dom, Amsterdam Bahnhof).

Die unterschiedliche Art der Formatierung und Bearbeitung erlaubt eine Rekonstruktion der Siedlungsgeschichte Weinsbergs. Die am (2) Wachturm an der südlichen (3) Scheckelmauer (Stadtmauer) verwendeten Schilfsandsteingerölle und Konglomerate sowie Blöcke scheinen lediglich aufgesammelt zu sein. Beim (4) Römerbad wird zur Konstruktion einer Bodenheizung neben primitiv bearbeiteten Schilfsandsteinwerksteinen auch der in der Weinsberger (5) Lehmgrube aufgefundene und zu Ziegeln gebrannte Lehm verwendet.

Die an der (6) südlichen und (7) südwestlichen (bei der 'Bettelhole') Schenkelmauer verwendeten Sandsteinblöcke aus dem 10. bis 12. Jahrhundert dokumentieren bereits eine vollkommenere aber noch nicht perfekte Formatierung. Die (8)nördliche Schenkelmauer und die dort befindlichen (9) Bögen sowie der (10) Geisterturm und die (11) Burgruine Weibertreu sind aus typischen Blöcken mit Kantenlängen von ca. 80 cm bis 120 cm und 40 cm bis 60 cm Tiefe und Breite aufgebaut. Diese Blöcke geben durch exakte scharf-rechtwinklige Kanten und 'gekrönelte' Oberfläche Hinweise über das sich entwickelnde Steinmetzhandwerk durch den Gebrauch des 'Krönels' als Werkzeug und zeigen einen perfekteren Bearbeitungsgrad.

Gesteine aus diesem Abbauzyklus finden sich interessanterweise auch in den (12) Kellern der alten Weinsberger Bürgerhäuser und in den (13) Weinkellern der alten Kelter. Nach Zerstörung durch Bauernkriege und nach Aufständen der Bürgerschaft Weinsbergs gegen die Burgherren von Weinsberg wurde die (14) Weibertreu als Steinbruch freigegeben. Erst später wurde die Weibertreu erneut renoviert. Die Phasen der Freigabe der Weibertreu als Steinbruch in der Weinsberger Siedlungsgeschichte ermöglichten die Entwicklung der bürgerlichen Häuser.

Durch die Wiederverwendung der bereits gebrochenen Naturwerksteinblöcke wird deren hoher Wert für die Ansiedler Weinsbergs deutlich. Es wurden geophysikalische Messungen, ingenieurgeologische Verdichtungskontrollen und archäologisch Georadaruntersuchungen durchgeführt. Anhand typischer Messwerte für Bodenbereiche landwirtschaftlicher Nutzung war es möglich Spuren der früheren Vorburgsiedlung aus primitiver Schenkelmauersubstanz zu kartieren. (15) Virtuelle 3D-Rekonstruktionen einzelner Bauwerke des ursprünglichen Weinsbergs (innerhalb der Schenkelmauern) werden derzeit konstruiert. Der künstlerische Bearbeitungswert des Schilfsandsteins wird insbesondere in der (16) Johanneskirche dokumentiert. Die karbonatisch gebundenen Sandsteine haben manche Außeninschrift durch Umwandlung des Karbonats (Calcit) zu Ca-Sulfat (Gipsanreicherungen) stark beeinträchtigt.

Anfahrt nach Weinsberg: Autobahn A6, Ausfahrt Heilbronn-Untereisesheim nach Heilbronn; oder Autobahn A 81, Ausfahrt Heilbronn-Untergruppenbach oder Weinsberg-Ellhofen.

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